
Fangen wir mit dem Teil an, der am wenigsten Sinn ergibt: Ich bin kein großer Star Wars Fan.
Versteh mich nicht falsch – ich mag das Universum. Ich habe die Filme gesehen [1], ich habe gelegentlich in die Serien reingeschaut, und ich sympathisiere schon mit der Materie und mit dem Fandom drumherum. Ich bin nur eben nicht der, der auf Conventions fährt oder eine Meinung zur Chronologie der Klonkriege hat.
Und trotzdem stehen hier gerade rund 200 kleine Plastikmenschen aus diesem Universum, und ich verbringe einen erschreckend großen Teil meiner Freizeit damit, weitere zu kaufen und wieder zu verkaufen.
Wie es dazu kam? Langeweile.
Der erste Klick
Vor einigen Wochen habe ich mich bei Whatnot angemeldet [2]. Ohne Plan, ohne Ziel, einfach weil ich das Prinzip mal sehen wollte: Menschen streamen live, versteigern Dinge im Sekundentakt, und im Chat schreien alle durcheinander. Als Konzept ist das ungefähr so subtil wie ein Spielautomat, und genau deshalb funktioniert es.
Ich landete in einem LEGO-Stream und habe eine einzige Minifigur ersteigert. Einen Kashyyyk Trooper. Ein Klick, ein paar Euro, fertig.
Dann kam die zweite. Dann die dritte.
Ein paar Tage später kam das Paket an, ich hatte drei winzige Figuren in der Hand – und die vollkommen klare, unangenehme Erkenntnis: Ich will mehr. Mist.

Plötzlich sprachen alle eine Sprache, die ich nicht kannte
Das erste, was mir aufgefallen ist: Ich habe kein Wort verstanden.
In den Streams und in den Kommentaren fielen Kürzel, die alle außer mir offenbar sofort einordnen konnten. Was ist ein Kashyyyk? Was sind Geonosianer? Und warum gibt es Phase-1- und Phase-2-Klone, wo ich bis dahin dachte, ein Klonkrieger sei einfach ein Klonkrieger? Ich kannte die Filme und ein paar Serienfolgen. Dass dahinter ein so tief verzweigter Kosmos steckt, war mir schlicht nicht klar.
Dazu kam eine zweite Ebene, die noch weniger mit Star Wars zu tun hat und dafür alles mit LEGO: Dual-Molding. 360-Grad-Bedruckung. Schleifer. Und die Frage, warum eigentlich alle so ein Problem mit Helmlöchern haben [3].
Das war der Punkt, an dem es vom Impulskauf zum Interesse gekippt ist. Ich saß abends da und habe Begriffe nachgeschlagen, wie man das sonst nur bei einem neuen Fachgebiet macht. Es ist eine komplett eigene Welt mit eigener Sprache, und dieses Gefühl, in eine solche Welt neu hineinzustolpern, ist ziemlich großartig. Und seltsam.
Vom Kaufen zum Verkaufen
Der logische nächste Schritt war natürlich nicht, damit aufzuhören, sondern die Recherche auszuweiten. Kleinanzeigen, eBay, weitere Streams. Ich habe angefangen, mir die Sammlungen anderer Verkäufer anzuschauen, Preise zu vergleichen, ein Gefühl dafür zu bekommen, was eine Figur eigentlich wert ist und was reine Massenware ist.
Und dann kam der Moment, der aus einem Hobby ein System gemacht hat. Ich hatte eine Figur doppelt. Beim Nachfragen bekam ich dann noch einen Mengenrabatt, weil ich mehrere auf einmal genommen habe. Ich saß also mit einem Stapel Figuren da, von denen ich einige gar nicht brauchte, und die zusammen weniger gekostet hatten als ihr Einzelwert.
Von da war es kein weiter Weg mehr: Ich habe meinen eigenen Whatnot-Stream gestartet. Offiziell, um Überschüsse loszuwerden. Tatsächlich vor allem als sehr elegante Ausrede, um weiter einkaufen zu können.
Die Lernkurve
Aus „ich klicke mal auf eine Figur“ wurde innerhalb weniger Wochen ein täglicher Rhythmus aus Online-Anzeigen und Listings durchscrollen, Streams beobachten und Preise nachschlagen. Die Werkzeuge dafür sind zum Glück gut:
- BrickLink – Marktplatz und Datenbank. Hier sehe ich, was eine Figur tatsächlich erzielt, nicht was jemand dafür haben möchte.
- BrickSet – um Figuren einem Set zuzuordnen und Varianten auseinanderzuhalten.
- Brick Economy – für die Preisentwicklung über Zeit. Sehr hilfreich, um zu erkennen, ob eine Figur gerade einen Hype hat oder wirklich stabil im Wert ist.
Parallel dazu lernt man Dinge, die in keiner Datenbank stehen: Wie sich abgeriebener Print auf einem Torso anfühlt. Dass „gebraucht, guter Zustand“ ein sehr dehnbarer Begriff ist. Wie tief eine Schleichspur unter dem Arm einer Figur sein muss, damit sie den Zustand nach unten drückt. Dass es Fälschungen gibt und woran man sie erkennen kann.
Der erste Stream
Mein erster eigener Stream: 63 verkaufte Figuren.
Ich hatte mit einer Handvoll gerechnet und damit, dass ich die meiste Zeit allein in eine Kamera rede. Stattdessen war es eine Stunde, die sich wie zehn Minuten angefühlt hat. Und danach war klar, dass ich nicht nur ein Hobby habe, sondern eine Schleife: kaufen, bewerten, verkaufen, kaufen.
Warum das Verkaufen erstaunlich wenig weh tut
Und hier liegt für mich der eigentliche Grund, warum ich überhaupt weitergemacht habe: Whatnot nimmt dir fast alles ab, was Verkaufen auf eBay oder in Kleinanzeigen so lästig macht.
Die technische Hürde ist praktisch null. Im Kern reicht ein Smartphone. Kamera an, Figur hochhalten, fertig – Stativ optional. Ich habe genau so angefangen und bin dann relativ schnell auf OBS umgestiegen, mit ein paar vorbereiteten Szenen. Und weil ich offenbar nicht anders kann, stand kurz darauf auch ein Drehteller auf dem Tisch, der die Figuren automatisch um 360 Grad dreht, damit die Leute im Stream sich selbst ein Bild machen können, statt mich zu fragen, wie die Rückseite aussieht.
Der Versand wird gebündelt, und zwar sinnvoll. Kauft dieselbe Person mehrfach bei mir, zahlt sie Versand nur einmal für das erste Paket; alle weiteren Figuren bis zu einer bestimmten Menge gehen versandkostenfrei mit, darüber hinaus wird entsprechend weiterberechnet. Das ist für Käufer der Grund, im Stream zu bleiben – und für mich der Grund, dass ein Verkauf selten ein Einzelverkauf bleibt.
Die Etiketten macht die Plattform. Whatnot erzeugt die Versandlabels automatisch, ich drucke sie aus und klebe sie drauf. Was ich vorhalten muss, sind Päckchen und Luftpolsterumschläge – und einen Drucker.
Und dann kommt Geld. Sind die Sendungen angekommen, bekomme ich nach ein paar Tagen automatisch eine Nachricht und kann mir den Betrag direkt auszahlen lassen – abzüglich Provision und Zahlungsdienstleister-Gebühren [4].
Klingt unspektakulär, ist aber der Unterschied zwischen „Hobby“ und „ich schreibe jetzt zwölf Leuten einzeln, wo ihr Paket bleibt“. Was jetzt auch nicht so schlimm wäre, weil ich all die Leute, die ich bisher kennengelernt habe, als wirklich sehr angenehme und nette Menschen wahrgenommen habe, die sich alle ein gemeinsames Hobby teilen. 🫶
Wo ich jetzt stehe: 200 Figuren und Break-Even
Aktuell steht meine eigene Sammlung bei etwa 200 Figuren. Der wichtigere Wert ist aber ein anderer: Ich bin bei Break-Even.
Das heißt, die Sammlung finanziert sich selbst. Was ich an Überschüssen verkaufe, deckt das, was ich neu kaufe. Ich stecke also kein zusätzliches Geld mehr hinein, und die Sammlung wächst trotzdem weiter. Für ein Hobby ist das ein ziemlich guter Zustand – und ehrlich gesagt der Punkt, an dem ich am meisten Spaß daran habe.
Und hier wird es dann interessant mit dem Nicht-Ganz-Fan-Sein: Was mich am meisten reizt, ist nicht die Lore. Es ist die Kultur drumherum und das Handeln selbst. Das Einschätzen. Das Verhandeln. Der Moment, in dem ein Gebot höher geht als erwartet. Dass ich nebenbei immer mehr über das Universum lerne, ist ein sehr angenehmer Nebeneffekt – aber das eigentliche Spiel ist ein anderes.
Und plötzlich: Fotografie
Womit ich nicht gerechnet hatte, war der Moment, in dem mir jemand aus meinem privaten Umfeld eine Fotobox mit verschiedenen Hintergründen geschenkt hat. Ungefragt, einfach weil sie gesehen hat, dass ich da gerade tief drinstecke – und dass meine Bilder, nun ja, Verbesserungspotenzial hatten.
Damit hat sich ein Thema aufgemacht, mit dem ich überhaupt nicht gerechnet hatte: Produktfotografie von Minifiguren. Licht, Hintergrund, Perspektive, Schärfeebene bei einem Objekt, das vier Zentimeter groß ist. Das ist eine völlig eigene kreative Baustelle, und ich merke, dass ich mittlerweile fast genauso viel Zeit mit dem Fotografieren verbringe wie mit dem Einkaufen.

Und weil ich es nicht lassen kann: eine Chrome Extension
Irgendwann kippt jedes Hobby bei mir in Richtung „ich schreibe mir dafür was“. Also habe ich eine eigene Chrome Extension gebaut, die mir die Verwaltung abnimmt:
- Bilderkennung von Figuren, damit ich nicht jede manuell zuordnen muss
- Tracking von Bestellungen inklusive Zustandsüberwachung
- Anlegen von Auktionen – mit Notizen und geplanter Spannungskurve, damit ein Stream nicht direkt am Anfang seine besten Stücke verheizt
Das klingt nach Overkill für ein Hobby, das mit einem gelangweilten Klick angefangen hat. Ist es wahrscheinlich auch. Aber sobald man ein paar hundert Figuren, mehrere Plattformen und offene Bestellungen gleichzeitig hat, ist eine Tabelle einfach nicht mehr genug [5] [6].
Was ich Einsteigern mitgeben würde
Nutze die Tools. BrickLink, BrickSet und Brick Economy sind nicht optional. Wer ohne Preisrecherche bietet, zahlt Lehrgeld – und zwar zuverlässig.
Verhandeln ist der halbe Gewinn. Besonders bei Kleinanzeigen und größeren eBay-Sammlungen. Fast niemand erwartet, dass der erste Preis der Endpreis ist. Bei Konvoluten ist der Hebel am größten.
Geduld. Die Figur, die du gerade unbedingt brauchst, kommt wieder. Sie kommt eigentlich immer wieder. Es gibt sehr wenige, bei denen das nicht stimmt, und die meisten davon willst du als Einsteiger sowieso nicht kaufen.
Setz dir ein Maximum – vorher. Auf Whatnot ist das essenziell. Der Stream ist darauf ausgelegt, dich in einen Bieterwettkampf zu ziehen, und in der Sekunde funktioniert das auch. Ich habe eine harte Grenze pro Figur, und wenn die überschritten wird, bin ich raus. Immer.
Und: erkenne die Tricks. Erfahrene Verkäufer arbeiten mit vagen Formulierungen und Ankündigungen – „dazu sage ich noch nichts“, „gleich kommt etwas Besonderes“ – um Gebotes nach oben zu treiben. Das ist nicht unfair, das ist ihr Handwerk. Aber es hilft enorm, es zu erkennen, statt darauf zu reagieren.
Und jetzt?
Keine Ahnung, wo das hinführt. Und das ist tatsächlich der beste Teil.
Es geht mir nicht um Umsatz – bei Break-Even wäre das auch ein sehr merkwürdiges Ziel. Es geht um den Spaß am Handeln, um die Community und um die etwas absurde Freude daran, sich in ein Thema einzugraben, zu dem man eigentlich gar keine emotionale Vorgeschichte hat.
Ich bin gespannt, wo ich in einem halben Jahr stehe. Vermutlich bei mehr Figuren, mehr Code und einer besseren Beleuchtung für meine Fotobox. Oder ich verliere schlagartig das Interesse an dem Hobby und verkaufe alle Figuren auf einmal. So etwas ist schon öfter passiert. [7]

Ein Disclaimer: Ich kann aktuell nicht tippen, da mein Arm in einer Schlinge ist und sich dieser Zustand in den nächsten Wochen auch nicht ändern wird. Deswegen habe ich zur Erstellung dieses Posts unter anderem auf KI-Werkzeuge zurückgegriffen, die meine Stimme in Text umwandeln und dementsprechend auch Sätze korrigieren und Grammatik überprüfen. Das ist mir wichtig, noch hinzuzufügen. Worte, Sätze und Inhalt sind von mir und nicht basierend auf generativer KI.